Horst ist einer von der alten Garde. Seit über 30 Jahren im Betrieb, beirrt ihn so schnell nichts in seiner täglichen Routine. Er weiß alles, er kann alles, besser als die meisten anderen – das zumindest denkt er von sich selbst. Wenn er jedes Jahr aufs Flachdach des Betriebs steigt, um mit dem Dampfreiniger Dachfolie und Lichtbänder zu reinigen, braucht ihm keiner mit Arbeitssicherheit zu kommen: Das ist bisher immer gut gegangen – alles nur Zeitverschwendung.

Mit einem Bein im Grab

Horst überschätzt seine Fähigkeiten und körperliche Fitness gnadenlos und steht damit, ohne es zu ahnen, immer mit einem Bein im Grab. Bisher hat Horst Riesenglück gehabt, bei ihm ist tatsächlich alles gut gegangen. Andere seines Schlags hatten weniger Glück: Sie verunglückten tödlich, indem sie bei Wartungs- und Reinigungsarbeiten vom Dach stürzten oder durch Lichtbänder brachen. Wie Horst waren sie der Meinung, dass Sicherungsmaßnahmen überbewertet werden. Eine fatale Denke: Denn mehr als ein Viertel aller tödlichen Arbeitsunfälle sind Absturzunfälle, darauf weist die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BauA) in einer Studie hin. Und die meisten Unfallopfer sind typisch Horst: Männlich, über 50, mit jahrzehntelanger Berufserfahrung. Selbstüberschätzung spielt bei allen eine wichtige Rolle. In einer Auswertung der bei ihr gemeldeten Absturzunfälle kommt auch die BGHW zu diesem Ergebnis.

Alte Hasen gezielt ansprechen

Doch was können Kollegen und Chefs tun, um Mitarbeiter wie Horst aus ihrer liebgewonnenen Routine zu holen? Als Vorgesetzter sollte man die bewährten Instrumente konsequent einsetzen: eine situationsgerechte, aktuelle Gefährdungsbeurteilung für Arbeiten in Höhen erstellen, geeignete Arbeitsschutzmaßnahmen festlegen sowie die Beschäftigten regelmäßig unterweisen. Sensibilisiere immer wieder für Absturzrisiken und sprich gezielt die „alten Hasen“ im Betrieb an.

Dem Horst aufs Dach steigen

Als Kollege oder Kollegin kannst Du vor allem eines tun: die Augen offen halten. Wenn Du beobachtest, wie Horst mal wieder alle Ratschläge in den Wind schlägt und ungesichert aufs Dach steigt, steig‘ ihm ebenfalls auf selbiges: Sprich ihn an, halte ihm sein unvernünftiges Tun vor Augen, packe ihn bei seiner Ehre: „Du willst doch ein Vorbild für die jungen Kollegen sein oder nicht?“ Wenn alles nichts hilft, hole Dir Verstärkung. Denn auch wenn es Horst Dir nicht dankt: Indem Du auf ihn achtest, wirst Du sein persönlicher Schutzengel und Du leistest einen wichtigen Beitrag zur gelebten Sicherheitskultur in Deinem Betrieb.